Material Reloaded

Platten und Oberflächen

Annika Dammann, m+a - Donnerstag, 13. September 2018    


Wer an Rattanholz denkt, hat zunächst geflochtene Korbstühle oder Schaukelstühle im Sinn und ein romantisch verklärtes Bild von der Kolonialzeit, dem Beginn der Rattan-Nutzung als Möbelbaumaterial in Europa. Doch das Unternehmen Out for Space mit Sitz in Kißlegg im Allgäu mischt dieses etwas verstaubte Bild gehörig auf. Mit der Entwicklung des neuen Holzwerkstoffs Karuun rücken die Kißlegger Jungunternehmer das Holz der asiatischen Rattanpalme in den Vordergrund von Produkt-, Möbel- und Interiorgestaltung. Das interdisziplinäre Team nutzt den speziellen Aufbau der Palme: Über lineare Kapillare kann die Pflanze Wasser über eine Länge von bis zu über 100 Metern transportieren. Mit einem eigens entwickelten Veredelungsverfahren injizieren die Allgäuer in die Kapillaren farbige Füllstoffe und behandeln so den Querschnitt. Aus dem sonst naturbelassenen Rohstoff entsteht ein Holzwerkstoff, der sich durch verbesserte Steifigkeit, Härte und Witterungsbeständigkeit sowie eine charakteristischen Färbung auszeichnet und eine nachhaltige Alternative zu konventionellen Materialien darstellt. Wie vielseitig der neue Holzwerkstoff einsetzbar ist, zeigt Out for Space mit gleich vier Produkten: Karuun Color, Karuun Furnier, Karuun 3D Furnier und Karuun Shine Furnier. Da die Farbe nicht oberflächlich aufgetragen, sondern über die Kapillaren injiziert wird, können oberflächliche Mängel einfach abgeschliffen werden und dank der gleichmäßigen Fasern sind Leimstellen nahezu nicht erkennbar. Ob als kreuzverleimte Furnier-Variante oder in Kombination mit einem speziellen Vlies, dreidimensional verformt oder als Plattenmaterial – Karuun ist in verschiedenen Formen einsetzbar. Auch eine „ungefüllte“ Variante hat das Unternehmen im Angebot: Karuun Shine Furnier ist dank des Kapillarquerschnitts luft- und lichtdurchlässig und überrascht mit einer feinen Haptik. Für seinen Erfindungsgeist wurden das Unternehmen bereits belohnt: Der innovative Holzwerkstoff wurde sowohl beim Interzum Award 2017 (Best of the Best in der Kategorie Intelligent Material & Design) als auch beim German Design Award 2016 (Gold) mit einem Preis ausgezeichnet.

Ebenfalls eine pflanzliche Grundlage hat die neu entwickelte Leichtbauplatte der Universität Göttingen. In einem vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) über den Projektträger Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR) geförderten Forschungsprojekt entwickelte ein Team unter der Leitung von Professor Alireza Kharazipour eine Sandwich-Platte mit einem Kern aus Popcorn – oder besser gesagt – expandierten Maiskörnern. Eine Prüfung der fertigen Sandwich-Platten bezüglich ihrer mechanischen Kennwerte zeigte, dass sie bei deutlich geringerem Gewicht ähnliche Eigenschaften wie herkömmliche Spanplatten haben. „Interessant ist die Fähigkeit des Popcorn-Granulats, Formaldehyd ab Temperaturen von 70 Grad Celsius zu binden. Dadurch wird das problematische Gas weder bei der Herstellung noch im Gebrauch freigesetzt“, erklärt Kharazipour. Als mögliches Einsatzgebiet für die Platten kommt neben dem Möbel-, Automobil- und Schiffsbau auch der Messebau hinzu. Die Popcorn-Sandwich-Platte ist eine Weiterentwicklung. Bereits zwischen 2007 und 2010 entstanden in einem Vorläuferprojekt der Universität Göttingen erste Verbundplatten aus Holzspänen und Maisgranulat. Diese vermarktet die Firma Pfleiderer, Neumarkt, heute erfolgreich unter dem Markennamen „Balanceboard“. Die neue Platte ist nun noch leichter.

Keine pflanzlichen Bestandteile, dafür aber recycelte Textilien werden bei der Herstellung des Solid Textile Board des dänischen Unternehmens Really, Kopenhagen, verwendet. Das Start-up, das zu 52 Prozent dem ebenfalls dänischen Textil-Unternehmen Kvadrat, Ebeltoft, gehört, nutzt für sein Produkt Alttextilien, inklusive Baumwolle und Wolle aus der Mode- und Haustextilindustrie. Aus diesem textilen Abfall stellen die Dänen einen technischen Werkstoff mit hoher Dichte her, der als Ersatz für Holz- und Verbundwerkstoffe im Bereich Möbelbau und Architektur dient. Im Rahmen der diesjährigen Mailänder Möbelmesse präsentierte Really gemeinsam mit Kvadrat die Ausstellung Circular by Design, in der sieben Jungdesigner die Möglichkeiten des neuen, nachhaltigen Plattenmaterials austesteten. Mit dabei der Designer Benjamin Hubert aus Großbritannien, der mit dem seinem modularen Möbelsystem Shift eine Verbindung zwischen Akustikwandpaneel und Auslageregal schafft: Aus der vertikalen Wandfläche lassen sich bei Bedarf Ablageflächen ausklappen. Auch Sitzmöbel lassen sich mit dem Plattenmaterial aus Alttextilien fertigen – das bewies der japanische Architekt Jo Nagasaka mit seinen geometrischen Stühlen „Color Studies“, die durch Absanden, Bürsten und Aufhellen ein Stück weit ihre natürliche Beschaffenheit verrieten.

Doch nicht nur Aufbau und innere Werte zählen, die Oberfläche ist entscheidend, ist sie doch das erste, was man visuell wahrnimmt. Dieser Bedeutung ist sich auch der Werkstoffhersteller Imi Beton bewusst. Mit seinen täuschend echten Oberflächen-Imitationen haben sich die Münsterländer in den letzten Jahren einen Ruf bei Architekten und Verarbeitern erworben. Nur schwer von den Originalmaterialien zu unterscheiden, eröffnen diese Imitationen neue Darstellungsmöglichkeiten in der Raumgestaltung. Mit Beton, Rost oder Kupfer bis hin zu Lederoptik und einer Vielzahl anderer Oberflächen, ist Imi Beton Spezialist originaler Imitationen geworden. Neueste Innovation in der Produktpalette: eine Beton-Matte als flexibler Wand- und Bodenbelag. Die neue Beton-Matte besticht durch ihre besonders gut nachgebildete Optik und Haptik. Trotz teilautomatisierter Produktion ist jede Matte ein Unikat, da die Oberfläche nach wie vor von Hand gefertigt wird. Dabei ist sie extrem strapazierfähig und stark belastbar – trotz ihrer Flexibilität. Sogar runde Formen lassen sich bewerkstelligen. Auch im Bereich Messebau bieten sich die großformatigen Matten an, um in kurzer Zeit eine täuschend echte Betonoberfläche an Wand, Boden oder Decke zu erzeugen.

Auch das Unternehmen LG Hausys, Frankfurt, zeigt Neues in puncto Oberflächengestaltung bei seinem Markenprodukt Himacs: Auf der diesjährigen Retail Design Expo in London präsentierte der Hersteller die Kollektionen Himacs Structura und Himacs Ultra-Thermoforming. Bei Structura handelt es sich um eine strukturierte 3D-Oberfläche, die jedes Muster annehmen kann. Serienmäßig zur Auswahl stehen zehn Farben und zehn Oberflächen-Designs wie etwa „Hive“, mit einem hexagonalen Muster und „Dunes“ mit einem wellenförmigen Relief. Das Solid-Surface-Material kann jedoch auch individuell nach Kundenwünschen gestaltet werden. Ebenfalls neu: Mit Ultra-Thermoforming kann der Acrylwerkstoff mühelos zu fließenden Formen und engeren Radien verarbeitet werden. Das Material bietet Designern, Planern und Architekten eine thermische Verformbarkeit, die 30 Prozent höher ist als bisher und damit die Möglichkeit bietet, mit noch engeren Kurven zu arbeiten.

Foto: Out For Space


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