BRAND NEW future

Allianzen der Zukunft

Brand New - Montag, 11. Februar 2019    

Allianzen der Zukunft

Elisabeth Hartung, Kuratorin und Kulturmanagerin, hält interdisziplinäre Zusammenarbeit nicht nur für inspirierend, sondern zukünftig auch für notwendig. In der aktuellen Ausgabe von BRAND NEW spricht sie über kollaborative Methoden, dialogische Prozesse und neue Perspektiven für die Gesellschaft der Zukunft.

Wie die Zukunft aussehen wird, wissen wir nicht. Der visionäre Gestalter Richard Buckminster Fuller sah bereits 1951 große Kugeln über bizarren Gebirgslandschaften schweben, in denen Menschen, die „Astronauten des Raumschiff Erde“ 1, in Wohneinheiten leben. Verortet in den Weiten des Universums, hat die Zukunft in den Vorstellungswelten großer Visionäre demnach erstaunlich viel mit technischer Innovation zu tun. Mittlerweile ist vieles real, was vor nicht allzu langer Zeit undenkbar schien, bestenfalls in die Welt der Science-Fiction gehörte. Technisch ist heute nahezu alles vorstellbar. Doch wie sieht es mit uns Menschen aus? Haben wir unsere Fähigkeiten, Gefühle und Kompetenzen entsprechend weiterentwickelt für die Navigation durch das Universum und das Zusammenleben in der Zukunft?

Technische und wirtschaftliche Entwicklungen haben nicht nur Auswirkungen auf das Ökosystem, sondern sind auch soziale Herausforderungen mit entscheidenden Konsequenzen für das Zusammenleben der Menschen, ihre Interaktion und ihre Kommunikation. Seit gut zehn Jahren ist das iPhone auf dem Markt. Allein im Windschatten dieser technischen Innovation hat sich die Gesellschaft stark verändert. Während in den sozialen Medien weltweit Menschen miteinander vernetzt sind, die sich nicht kennen, gehen Quantität und Qualität sozialer Kontakte in der realen Welt zurück. Wir kommunizieren anders, verabreden uns anders, arbeiten anders. Wir leben, so der Soziologe und Kulturwissenschaftler Andreas Reckwitz, in einer „Gesellschaft der Singularitäten“ 2, in der Individualisierung und Selbstoptimierung in der Werteskala ganz oben stehen – und im Gegenzug die Sehnsucht nach Teilhabe und Gemeinschaft wächst. Die technischen, sozialen und ökologischen Prozesse auf dem Planeten Erde vollziehen sich also rasant, und die Astronauten des Raumschiffs Erde müssen aufpassen, die Steuerung nicht den eigens programmierten Automatismen zu überlassen. Denn das hieße, all die positiven Fähigkeiten aufzugeben, die der Mensch nach Buckminster Fullers optimistischer Zukunftsvision im Lenken des Raumschiffs über die Jahrtausende erlangt hat – ohne Bedienungsanleitung, mit Erfahrung und kraft Intellekt und Intuition.

Selbst die ersten Visionäre aus dem Silicon Valley, die Pioniere der digitalen Netzwerke, warnen mittlerweile vor den Auswirkungen der digitalen Revolution: „Technology is hijacking our minds and society.“3 Ausgerechnet die Initiatoren einer Bewegung, die alte kapitalistische Grundprinzipien und das, was Arbeit auszeichnet,radikal veränderten, rufen nun dazu auf, sich nicht dem Smartphone und den Algorithmen auszuliefern, sondern neue Allianzen für eine Systemänderung im Sinne der Conditio humana zu bilden.

Gestaltung der Zukunft heißt immer auch Gestaltung des Zusammenlebens der Menschen auf der Erde. Doch wie wollen wir zusammen leben, kommunizieren, arbeiten? Welches Ziel ist attraktiv für die gemeinsame Reise in die Zukunft? Welche Vorbereitungen müssen wir jetzt treffen? Wie wird die Arbeit an Bord strukturiert sein? Schließlich sind wir alle Mitglieder der Crew im Raumschiff, wie der kanadische Kommunikationstheoretiker Marshall McLuhan äußerte, und fliegen nicht als Passagiere durch das All.

Während wir also technisch schon fast so gut ausgestattet sind wie die Weltraummissionen der frühen Science- Fiction-Filme und es fast nichts mehr gibt, was uns nicht möglich erscheint, lohnt es, auch die Zusammenarbeit der Raumschiff-Besatzungen in Erinnerung zu rufen: Menschen geben die Kommandos, nicht Maschinen. In gemeinsamer Mission werden brenzlige Situationen in den Weiten des Kosmos im Zusammenspiel von Spezialisten gemeistert, immer im Vertrauen darauf, dass die Lösung von Problemen manchmal auch ganz unerwartet kommen kann. Das Zulassen von Gefühlen und Humor sorgt für lebendige und ausgewogene Teamsituationen. Und natürlich finden sich immer Allianzen für besondere Missionen sowie den Erhalt der Gemeinschaft an Bord. Nur einzelne Nerds heben nie den Kopf von ihren Monitoren. Die riesigen Panoramabildschirme in der Kommandozentrale dagegen erlauben immer Vorausschau, Überblick und Ausblick in neue Welten. Die Lage auf der Erde ist natürlich komplexer. Doch angesichts der Frage nach dem Zusammenleben in Gegenwart und Zukunft bieten die Prozesse im Weltall, von denen wir Teil sind und durch die unser Raumschiff steuert, Grundprinzipien von Allianzen.

In Galaxien sind unterschiedliche Systeme, Planeten und Sterne durch Gravitation miteinander verbunden. Permanent bilden sich durch die Verschmelzung einzelner Teile hier neue Konstellationen. Es ist ein Kosmos von wechselseitigen Beziehungen – ein Ort für das zukünftige Leben in der Fantasie des Menschen. Immer verbunden mit der Vorstellung, dem gänzlich Unbekannten zu begegnen, voller Neugier, mit ihm Kontakt aufzunehmen und dabei selbst Teil des Ganzen zu werden und sich darüber zu definieren. Denn, so der Filmemacher Alexander Kluge, „ohne von anderen Gestirnen beleuchtet zu werden, leuchtet mein Mond nicht.“ 4 Kooperationen, Kollaborationen und Allianzen werden für das zukünftige Zusammenleben auf dem Planeten Erde eine größere Rolle spielen müssen, nicht nur im Hinblick auf die Lösung komplexer Aufgaben, sondern auch im Hinblick auf den zentralen menschlichen Wunsch nach Teilhabe und Mitgestaltung.

So wird es, trotz des technischen Fortschritts, die große Herausforderung sein, die Demokratie als gesellschaftliche Allianz zu erhalten, wie es die Essayistin Yvonne Hofstetter auf den Punkt bringt.5 Dazu braucht es Debatten, Engagement und die Zusammenarbeit mit Disziplinen, die darin erfahren sind, darüber nachzudenken, woher der Mensch kommt, was er ist und wohin er will; die Bilder entwickeln und neue Vorstellungswelten schaffen. Während in vielen Köpfen die Probleme der Gegenwart nach wie vor allein unter rationalen Gesichtspunkten, unter der Prämisse von Wachstum und Wirtschaftlichkeit gelöst werden können, wächst die Erkenntnis, dass diese Denkweisen in eine Sackgasse führen. Die Gestaltung der Zukunft braucht neue Perspektiven und Impulse aus verschiedenen Blickwinkeln, sollen die Balance zwischen unterschiedlichen Polen erreicht und zwischenmenschliche Beziehungen weiterhin im Hinblick auf demokratische Prinzipien gestaltet werden. Die Notwendigkeit einer grundsätzlichen Neuorientierung birgt denn auch die große Chance für eine neue gemeinsame Basis, denn sowohl im Hinblick auf die Wirtschaft und das ökologische Gleichgewicht als auch auf das soziale Miteinander ist entschiedenes und nachhaltiges Handeln gefragt – und Kreativität. Lassen Sie uns also neue Spielräume öffnen, um konkrete Visionen zu entwickeln und neue Formen des Dialogs und der Interaktion zu praktizieren. Allianzen sind eine davon. Sie stehen für ein Bündnis zwischen Partnern, die sich im Dienste einer Sache zusammentun.  Während sich über die ganze Welt ein dichtes digitales Netzwerk spinnt, immer verästelter und beliebiger, werden Allianzen geschlossen – mit dem Blick nach vorn, mit der Offenheit für Prozesse auf dem Weg zu neuen Horizonten. Das sind Qualitäten, für die es lohnt, den Begriff Allianz neu zu betrachten.

Wollen Sie den ganzen Beitrag von Elisabeth Hartung lesen? Bestellen Sie sich Ihr BRAND NEW Exemplar unter joerg.jaehne@dfv.de.

1 Joachim Krausse: Richard Buckminster Fuller, Bedienungsanleitung für das Raumschiff Erde; Philo Fine Arts, Hamburg; 2008
2 Andreas Reckwitz: Die Gesellschaft der Singularitäten; Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 2017
3 www.humantech.com
4 Alexander Kluge in: Museum Folkwang: Pluriversum; Spector Books, Leipzig; 2017
5 Elisabeth Hartung: Neue Allianzen. Für die Gestaltung der Zukunft; avedition, Stuttgart; 2018


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