BRAND NEW future

Mindset der Zukunft

Brand New - Mittwoch, 20. Februar 2019    


In der aktuellen Ausgabe von BRAND NEW spricht der Geschäftsführer des Zukunftsinstituts über das Denken von morgen sowie die Arbeit mit der Zukunft.

Mit dem Zukunftsinstitut erforschen Sie sowohl Mega- als auch Mikrotrends. Wie kommen Sie auf die Themen, die uns in Zukunft prägen werden?

Es ist ein großes Problem unserer Zeit, dass wir versuchen, den vermeintlich wichtigen Trends hinterher zu hecheln. Dabei lassen wir uns gerne von Trendbegriffen verleiten, die sich wie Viren in unseren Köpfen ausbreiten. Digitalisierung, Automatisierung et cetera – diese Begriffe sind allgegenwärtig und dennoch weiß kaum jemand wirklich etwas damit anzufangen. Sie zwingen uns geradezu zum Handeln – dazu, auf sie zu reagieren. Dabei verstellen sie uns aber den Blick darauf, was bestimmte Entwicklungen individuell für uns bedeuten. Das führt dazu, dass sich zum Beispiel Unternehmen oft die falschen Zukunftsfragen stellen. Ich plädiere da immer zu mehr Gelassenheit, Abstand, Reflexion und systemischem Denken. Nur so bekommen Sie einen klaren Blick auf Zukunft! Sie müssen lernen, drei oder vielleicht vier Mal um die Ecke zu denken. Denn der geradlinige, auf den ersten Blick vermeintlich richtige Weg, dieser erste Schluss, ist meist der falsche. Denken Sie nicht linear, sondern in Zyklen und Feedback-Loops. Das ist richtiges Zukunftsdenken!

Welche Fortschritte können wir noch erreichen? Welche Technik wird uns weiterbringen?

Wir sollten uns nicht zu sehr auf bestimmte Technologien versteifen. Viele der Innovationen, die da draußen herumschwirren, sind heute Lösungen ohne Probleme: Weil uns umfassende technologische Möglichkeiten zur Verfügung stehen, wollen wir alles auf diesem Wege lösen. Und dabei verrennen wir uns in diese Lösungsmöglichkeiten, während wir die eigentliche Frage leider aus den Augen verlieren.

HARRY GATTERER

Foto: Harry Gatterer, Cochic Photography

Sind wir denn dann überhaupt bereit für die künstliche Intelligenz? Welchen Einfluss hat KI auf unser kreatives Denken?

Künstliche Intelligenz (KI) ist das Buzzword unserer Tage – die Durchbrüche im „Machine Learning", insbesondere im „Deep Learning", bereiten den Weg für eine Zukunft, in der Technologie unsere Alltags- und Arbeitswelt noch umfänglicher prägen wird. Um sich für diese Entwicklung zukunftsweisend aufzustellen, gilt es zunächst, die Frage zu beantworten: Was bedeutet künstliche „Intelligenz" überhaupt – jenseits dystopischer Auslöschungsängste (die Robocalypse naht) und naiver Technik-Begeisterung (Machbarkeitswahn des Silicon Valley)? Bezogen auf die Anwendung von Technologie in unternehmerischen Kontexten – also auch auf Kreativität – lässt sich zumindest eins sagen: Intelligent ist es, menschliche und maschinelle Intelligenz produktiv miteinander zu verknüpfen. Denn Mensch und Maschine sind im Team erfolgreicher als für sich allein. Um Technologie nicht als Konkurrenz, sondern als Partner anzusehen, ist es wichtig, die kategorischen Unterschiede zwischen menschlicher und künstlicher Intelligenz zu begreifen. Zunächst das Offensichtliche: Menschen fühlen, Maschinen nicht. Das hat weitreichende Auswirkungen, denn nur wer fühlt, entwickelt Intentionen und kann wirklich kreativ sein und kontextuelles Wissen auch anwenden. „Computer sind nutzlos, sie können uns nur Antworten geben", wusste schon Pablo Picasso. Anders gesagt: Nur Menschen können die richtigen Fragen stellen und den Sinn verstehen.

Ganz konkret: Mit Ihrer Arbeit verknüpfen Sie diese gesellschaftlichen Trends mit unternehmerischen Entscheidungen und beraten Unternehmen dabei, relevante Themen zu erkennen und für sich zu nutzen. Wie gehen Sie hierbei vor?

Bei unserer Arbeit geht es uns darum, die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen zu erkennen und zu benennen, um so die Grundlage für unternehmerische Entscheidungen zu liefern. So haben wir mit dem „Future Room" eine eigene Methode entwickelt, in die unsere Erkenntnisse ebenso einfließen wie unsere Erfahrungen aus über 20 Jahren Trend- und Zukunftsforschung sowie Unternehmertum. Der „Future Room" bietet den individuellen Raum für Unternehmen, an ihrer Zukunft zu arbeiten. Hier werden mittels Impuls, Dialog und Reflexion innerhalb kürzester Zeit die relevanten Zukunftsfragen des jeweiligen Unternehmens in den Fokus gerückt, Blind Spots beleuchtet und verborgene Potenziale ausgemacht. Dabei ist der „Future Room" kein physischer Raum. Er ist vielmehr ein Denk- und Gestaltungsraum.

Welchen Vorteil bringt es, sich dabei neben all den Zahlen, der Unternehmensstrategie und den Veränderungen auf den Märkten auch noch mit den Emotionen innerhalb eines Unternehmens auseinander zu setzen?

Wir leben in einer hochemotionalen Welt, in der die Menschen hin- und hergerissen sind zwischen den Extremen. Um die unbändige Kraft der Emotionen in produktive Energie umzuwandeln, müssen Unternehmen die Rolle von Emotionen als wichtigste Treiber für menschliches Handeln antizipieren. In der DNA jedes Unternehmens sind Emotionen grundlegend angelegt. In ihnen stecken auch die Werte des Unternehmens und aus ihnen speist sich das Zukunftsbild, das wiederum das Tun von Unternehmen antreibt. So können Unternehmen etwa von Angst und Leid gesteuert, aber auch von Hoffnung und Stolz angetrieben sein. In einigen dieser Emotionen, den sogenannten Schlüsselemotionen, steckt das Potenzial, zukunftsorientierte Visionen und damit Veränderung voranzutreiben.

Interview: Janina Poesch


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