Indoor Navigation

Finden ohne Suchen

Gwen Kaufmann, m+a - Montag, 1. Juli 2019    

Finden ohne Suchen

Für Besucher hat sich die Komplexität der meisten Messen zusehends erhöht. Konnten sich viele Unternehmen in der Vergangenheit noch auf den Besuch ihrer zentralen Anbieter sowie einiger Mitbewerber konzentrieren, hat sich in fast allen Branchen das Spektrum immer weiter ausdifferenziert. Das Angebotsfeld will beobachtet, neue Anbieter geprüft und Start-ups kennengelernt werden. Die klassische Hallenaufplanung, die Aussteller nach Themen bündelt und gruppiert, liefert zwar nach wie vor Orientierung, ergänzt um neue Segmente und Sonderschauen ist das aber längst nicht mehr der einzige Anhaltspunkt, um alles Relevante zu finden und zu sehen. Veranstalter arbeiten deshalb an der Erweiterung ihres Indoor-Navigationsangebotes, um Besucher möglichst effektiv mit Ausstellern zusammenzuführen.

Ein Weg, in der Messehalle für eine zusätzliche Informationsebene zu sorgen, ist der Einsatz von Augmented Reality (AR), die Daten an den Stellen sichtbar macht, wo sie benötigt werden. Diese Erweiterung der Realität um Hintergrundinformationen zu einzelnen Ausstellern oder auch Laufwegen zu Sonderausstellungen verhelfen Messegästen zu einem besseren Erlebnis und Ergebnis. Einen AR-Lösungsansatz bietet der IT-Dienstleister Cologne Intelligence. Die Mobile Minds Unit unter der Leitung von Peter Krämer hat sich auf Location Based Services spezialisiert. Das Tool, das die Kölner unter dem Namen Inplaces anbieten, reichert die physische Messe um eine zusätzliche Dimension an, indem es in der AR-Ansicht weitere Informationen anzeigt. Nicht nur der Veranstalter kann in der Anwendung Points of Interest (POI) hinterlegen, die sich per Indoor Navigation ansteuern lassen. Auch Ausstellern bietet das Tool die Möglichkeit, ihren Auftritt um digitale Informationen zu erweitern, etwa um die Terminliste von Veranstaltungen sowie Modelle oder Auskünfte zu Exponaten.

Mit dem Anzeigen der Hinweise ist dabei noch nicht das Ende des Mehrwerts erreicht: Speichert sich ein Besucher den Termin eines Events, kann eine automatische Erinnerung hinzugefügt werden. Wird ein digitales Exponat heruntergeladen, kann es mit Kollegen auf und nach der Messe geteilt werden. Die vom Besucher für sich selbst als interessant markierten Orte können nach der Veranstaltung noch einmal nachvollzogen oder bereits während der Messelaufzeit mit anderen geteilt werden. Denn ein weiterer Clou der App ist es, dass sich miteinander verbundene Personen, die beispielsweise einer gemeinsamen Whatsapp-Gruppe angehören, gegenseitig interessante Entdeckungen mitteilen können. Durch die Markierung eines POI können dazu Eingeladene mittels App ganz einfach dort hin navigieren.

AR CI MOBILE MINDS

Foto: CI Mobile Minds

Außerdem erlaubt es die App, sofern individuell zugestimmt wurde, dass sich einander bekannte Personen gegenseitig tracken und zueinander navigieren können. Ein praktisches Feature, wenn mehrere Kollegen auf der Messe unterwegs sind und in einem Gespräch die zusätzliche Expertise benötigt wird oder auch, wenn ein Termin kurzfristig ausfällt und wieder Anschluss an die Gruppe gefunden werden will.

Für die technische Umsetzung der Lösung aus der IT-Schmiede am Rhein ist in den Messehallen keinerlei Hardware erforderlich, sofern eine vollständige Netzabdeckung mit Mobilfunk oder WLAN für alle Besucher gegeben ist. Mit diesem Ansatz hat es Cologne Intelligence in die Finalrunde des von Emeca ausgerichteten Wettbewerbs zum Thema Indoor Navigation geschafft. Die European Major Exhibition Centres Association, in der sich 22 große europäische Messeplätze organisieren, hatte einen Aufruf zur Einreichung neuer Systeme zur Verbesserung des Besuchererlebnisses gestartet. Aus den insgesamt 13 Einreichungen wurden in einer Zwischenrund drei Finalisten ausgewählt. Als Favorit aus dem Kopf-an-Kopf-Rennen hervorgegangen ist das Start-up Penguinpass. Mit einer Stimme Vorsprung sicherte sich der italienische Anbieter unter der Leitung des Gründers Pietro Allegretti den Sieg. Die in Mailand ansässige Firma bietet eine Lösung für kontaktlose Zugangskontrollen von der Einladung bis zum Check-in, aber auch die Möglichkeit des VIP-Spottings und Nachverfolgung von Bewegungsprofilen ohne die Installation von Hardware. Seine Anfänge hat das Unternehmen im Bereich Fashion genommen, wo es für Modenschauen wichtig ist, die Gäste individuell zu identifizieren und zu ihren jeweiligen Plätzen zu führen. Doch häufig tritt die Modemeute in Gruppen auf, in denen es eine Herausforderung ist, einzelne Personen zu identifizieren – ähnlich wie bei Pinguinkolonien. Von dieser Analogie leitet sich der Name der technologischen Lösung ab. Dank der Verwendung der Besucher-App werden Gäste bereits ab einem Umfeldradius von 100 Metern für den Veranstalter in dessen Version der App sichtbar. So können VIPs gezielt identifiziert und angesprochen werden. Um Bewegungsprofile der Besucher innerhalb des Geländes nachvollziehen zu können und standortbasierte Informationen zu senden, benötigt die Anwendung Beacons. Um diese nicht physisch installieren zu müssen, bedient sich Allegretti eines Tricks: Die Ausseller-App, auf der Besucherprofile angezeigt werden, dient gleichzeitig als Beacon. Da zu den Öffnungszeiten immer Personal auf den Ständen ist, wird dadurch ein stabiles Netz aufgebaut.

Eine flächendeckende Installation von Antennen hingegen benötigt die Indoor-Navigations-Lösung von Thinkin. Damit ermöglicht das aus Bozen stammende Unternehmen innerhalb der Hallen eine sehr präzise Navigation und kann positionsabhängige Marketingbotschaften an Besucher senden. Alle Bewegungsprofile werden erfasst und stehen zur Analyse zur Verfügung, und das in Echtzeit mit maximal einer Sekunde Zeitverzögerung. „Ich sehe Indoor Navigation in der Zukunft nicht als einen Wettbewerbsvorteil eines Standortes“, so Emeca-Präsident Maurits van der Sluis. Der Geschäftsführer von RAI Amsterdam/Niederlande erwartet vielmehr, dass solche Angebote zukünftig selbstverständlich von Besuchern und Ausstellern erwartet werden. „Deshalb war es eine gute Entscheidung, dass die Emeca-Mitglieder den Schulterschluss gesucht haben, um gemeinsam Lösungen zu finden.“

 

EMECA NAVIGATION

Pietro Allegretti, Penguinpass, erhält die Urkunde von Roland Bleinroth, Geschäftsführer Messe Stuttgart und Leiter der Emeca Digital Business Working Group. Foto: Emeca

Dass die Anforderungen unterschiedlich gelagert sind, verdeutlichte der Ausgang des Wettbewerbs. Die Entscheidung zwischen den drei Finalisten war denkbar knapp und in der Folge können sich voraussichtlich alle Unternehmen über Aufträge aus den Reihen der Verbandsmitglieder freuen. Darunter die Kölnmesse, die gemeinsam mit weiteren Mitgliedern einen Testballon plant. Allerdings nicht am Heimatstandort, dort laufe laut Herbert Marner aktuell bereits ein anderer Test. Die Kölner befassen sich intensiv mit der Thematik: „Wir sehen den Einsatz von Indoor Navigation zukünftig bei Veranstaltungen aller Branchen, deswegen ist uns daran gelegen, die für unsere Anforderungen beste Lösungen zu identifizieren und implementieren“, so der für die IT der Kölnmesse zuständige Geschäftsführer.

Der Grund, warum Indoor Navigation in Zukunft unverzichtbar sein wird, liegt für Roland Bleinroth, Geschäftsführer der Messe Stuttgart, auf der Hand: „Digitale Tools können Live-Erlebnisse verbessern und die Effizienz steigern.“ Besonders erfreut ist der Leiter der Digital Business Working Group des Verbandes über die unterschiedlichen Nationalitäten der Finalisten. „Wir haben zwei spannende Unternehmen aus Italien sowie eines aus Deutschland identifiziert“, so Bleinroth, und betont: „Vor allem auf die Lösungen aus den anderen Ländern wären wir bei einer alleinigen Ausschreibung oder Recherche wohl kaum gestoßen. Ein schöner Mehrwert der europäischen Zusammenarbeit.“ Auch die Messe Stuttgart wird mindestens mit einem der Unternehmen einen Test durchführen.

„Die dargestellten Technologien der Finalisten sind komplementär und haben jede ihre Zielgruppe gefunden“, resümiert Emeca-Generalsekretärin Barbara Weizsäcker. „Die Idee, eine Plattform für den intensiven Austausch zum Thema Indoor Navigation zu schaffen, ist aufgegangen“, so das Fazit der Verbandsgeschäftsführerin. Denn auch die Finalisten untereinander sind in den Austausch gekommen, ob sich ihre Lösungen miteinander kombinieren lassen. Die Weiterentwicklung der Systeme ist also bereits in Gange.


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