Schwerpunktverschiebung

Vom Auto zur Mobilität

Gwen Kaufmann, m+a - Mittwoch, 4. September 2019    

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© VDA

Viel soll sich verändern bei der IAA 2019. Gegliedert in die vier Bereiche Conference, Experience, Exhibition und Career geht die vom Verband der Automobilindustrie (VDA), Berlin, organisierte Internationale Automobilausstellung vom 12. bis 22. September in Frankfurt unter dem Motto „Driving tomorrow“ runderneuert an den Start. „Die IAA transformiert sich, so wie die Branche auch“, sagt VDA-Präsident Bernhard Mattes, und formuliert den Wunsch: „Automobilunternehmen treffen auf neue digitale Player. Die IAA wird interaktiver, vernetzter, digitaler. Trends und Themen werden branchenübergreifend vorgestellt und diskutiert.“ Der Bereich Experience umfasst diverse Erlebnisstationen, zum Beispiel einen Outdoor-Parcours, intensivierte Probefahrten oder eine Kids’ World. Die Conference ist als Veranstaltungsreihe mit Events auf vier Bühnen konzipiert, auf denen Redner wie IBM CEO, Ginni Rometty oder Ex-Formel-1 Fahrer Nico Rossberg für inspirierenden Input sorgen sollen. Die IAA Career richtet sich an Studierende, Berufseinsteiger und Professionals. Die beiden Formate Conference und Career werden räumlich gebündelt auf den beiden Ebenen der Halle 5 realisiert. „Damit schaffen wir für Aussteller und Besucher neue Angebote und erweitern den Eventcharakter der IAA deutlich. Unser Ziel ist, auf der IAA wie an keinem anderen Ort die Mobilität mit allen Sinnen erlebbar zu machen: Mobilität sehen, fühlen, erfahren und darüber hören“, erläutert Mattes das Konzept.

Dass der VDA mit dieser Neuausrichtung zu spät sein könnte, will Martin Koers nicht gelten lassen. Der im Februar angetretene VDA-Geschäftsführer ist für die zahlenmäßig größte Herstellergruppe III, welche Zulieferer, Mittelstand, Aftermarket, Entwicklungsdienstleister sowie Start-ups umfasst, zuständig. „Die Transformation der IAA beginnt nicht heute, sondern wird bereits seit 2011 vorangetrieben. 2015 gab es erstmals die New Mobility World, 2017 wurde dieser Kurs verstärkt fortgesetzt. Seit drei Jahren findet das NMW-Lab statt, in welchem die innovativsten Mobilitäts-Start-ups vor Entscheidern und Führungspersönlichkeiten aus Unternehmen, Politik und Risikokapitalgebern pitchen und so die Türen für Kooperationen aufstoßen“, zählt Koers die Neuerungen der zurückliegenden Veranstaltungen auf. Einem Vergleich mit Plattformen wie der Consumer Electronics Show CES in Las Vegas oder dem Mobile World Congress in Barcelona, auf denen viele Automobilhersteller präsent sind und zuletzt ihre größten Innovationen präsentierten, erteilt er eine Absage: „Wir vergleichen uns nicht mit B2B-Events, die IAA ist immer auch eine große Publikumsmesse“, so der promovierte Betriebswirt. Sein Anspruch lautet vielmehr: „Wir wollen das Schaufenster der Mobilität sein und nicht mehr das größte Autohaus der Welt.“

Wieviel Herkunft braucht es für die Gestaltung der Zukunft?

Dem Kernstück, der klassischen Ausstellung nämlich, die die gesamte Wertschöpfungskette abbilden soll, wird eine neue Komponente hinzugefügt: Das erstmals realisierte Format IAA Heritage by Motorworld, das auf klassische Automobile und Motorräder im Premium-Segment sowie dazu angrenzendes Highend-Handwerk und entsprechende Dienstleister setzt. Das gemeinsam mit den Oldtimer-Experten der Motorworld Group als Partner entwickelte Format wird eine Bruttohallenfläche von über 11.000 Quadratmeter belegen, um die emotionale Welt automobiler Klassiker zu eröffnen, so der Veranstalter. „Wir schaffen mit dem neuen Oldtimer-Teilbereich eine Brücke zwischen den Wurzeln der Mobilität und ihrer Zukunft“, beschreibt Andreas Dünkel, Vorsitzender der in Schemmerhofen ansässigen Motorworld Group, die Veranstalter diverser Oldtimer-Messen ist, die Intention. Für den VDA eine logische Ergänzung, denn Mattes sieht Tradition und Zukunft als zwei Seiten einer Medaille und betont die seit jeher bestehende Verbindung historischer und moderner Fahrzeuge als ein zentrales Element der Veranstaltung, das man nun fortschreibe.

Und sogar noch intensiver fortschreiben wollte. Ursprünglich plante der VDA nämlich eine weitere Sonderschau zu automobilen Klassikern. Im März 2019 wurde der Launch der IAA Masterpieces by Grand Basel verkündet. Präsentiert werden sollten besondere Automobile: Legenden des Rennsports, kulturprägende Klassiker, futuristische automobile Visionen, Ikonen, Exoten, Unikate und Raritäten der Automobilkultur. Nicht nur die ausgestellten Exponate sollten laut der Macher dabei etwas Besonderes sein, auch die Art und Weise der Präsentation. Ein einheitliches Ausstellungskonzept, um die Ästhetik automobiler Schönheit ins beste Licht zu rücken. „Nach der Premiere der Grand Basel im September 2018 in Basel bietet die IAA eine ausgezeichnete Möglichkeit, das Konzept der Grand Basel zu präsentieren und mögliche Entwicklungspotenziale auszuloten. Wir freuen uns, mit dem Verband der Automobilindustrie (VDA) und der Motorworld Group zusammenzuarbeiten und zur Schaffung eines einzigartigen IAA Erlebnisses beizutragen“, erklärte Mark Backé von Grand Basel im März. Allein, diese Zusammenarbeit wird nun doch nicht stattfinden. Auf Anfrage wollte der VDA keine Angaben zu den Gründen machen. Hinter vorgehaltener Hand ist zu vernehmen, die geschlossenen Verträge hätten allein das Präsentationskonzept, nicht aber die Ausstellungsstücke umfasst. Um diese hätte sich der VDA demnach selbst kümmern müssen, was wohl nicht als umsetzbar angesehen wurde.

IAA

Längst werden nicht mehr alle Produktpremieren auf der IAA in Frankfurt vorgestellt. Foto: VDA

Die Absage von Ausstellern führt zu veränderten Hallenbelegungen

Doch nicht nur bei den Sonderschauen ist Sand ins Getriebe geraten, auch im Kernausstellungsgeschäft läuft es alles andere als rund. Wie bereits bei den vergangenen Ausgaben haben für die IAA 2019 diverse Automobilhersteller, so genannte OEMs, ihre Teilnahme abgesagt. Hier scheint allmählich eine kritische Schwelle erreicht zu sein, die Aussteller weiterer Gruppen dazu veranlasst, ihre Beteiligung zu überdenken – und in der Konsequenz teilweise durchaus auch zu beenden. Ein prominentes Beispiel ist die Prüfgesellschaft Dekra, einst fester Bestandteil der Ausstellerschaft in Halle 8. 2019 ist die in Stuttgart ansässige Gesellschaft nicht am Start. „Hintergrund ist, dass wir als Ergänzungsaussteller zwingend auf die Messebesucher und Laufkundschaft der ausstellenden OEMs angewiesen sind“, sagt Wolfgang Sigloch, Pressesprecher Automobil bei Dekra, zu den Gründen, und ergänzt: „Dies ist auch der Grund, warum wir – im Gegensatz zu den meisten unserer Wettbewerber – traditionell in Halle 8 präsent waren. Die für uns notwendige Anziehungskraft durch die Hersteller erwarten wir in diesem Umfeld in diesem Jahr nicht.“ Bei der letzten Ausgabe der IAA 2017 waren noch die OEMs Renault, Opel, Toyota, Citroën, Hyundai und Lexus in der Nachbarschaft des Dekra-Stands vertreten, diese werden bei der diesjährigen Ausgabe fehlen.

Die Hersteller, die ihrer Beteiligung an der IAA treu bleiben, verändern sich teilweise ebenfalls stark. Die Marke BMW wird in diesem Jahr wesentlich kleiner vertreten sein, sie kürzt ihr Engagement um rund zwei Drittel. Ausgelöst durch die Absagen oder Verkleinerung einst mitunter beachtlicher Flächenbelegungen blieb es für den Veranstalter nicht aus, die Hallenbelegung neu zu ordnen. Ein nicht unübliches Vorkommnis in der Weiterentwicklung von Veranstaltungsformaten. Die Kunst im Umgang damit besteht jedoch im Fingerspitzengefühl gegenüber den Austellern, die an neue Plätze umsiedeln sollen. Hier scheint der VDA kein glückliches Händchen gehabt zu haben. So soll es zu mitunter sehr kurzfristigen Zuweisungen neuer Standflächen in anderen Hallen mit geänderten Zuschnitten gekommen sein, ohne eine Verlängerung der Frist zur Einreichung der Standgenehmigungsunterlagen zu ermöglichen. Ein Szenario, auf das selbst langjährige und bis dato zufriedene Austeller nur noch mit einer Absage reagieren konnten. Zu eng das Zeitfenster, um von Grund auf ein neues Standkonzept entwickeln zu können – von den Kosten, die das nach sich gezogen hätte ganz zu schweigen.

Maßnahmen zur Kehrtwende beim Besucherrückgang werden ergriffen

Eine geringere Vielfalt an Ausstellern dürfte das Interesse der Besucher kaum zu steigern vermögen. Dem Besucherschwund der vergangenen Ausgaben soll deshalb mit ein paar Schmankerln entgegen gewirkt werden. Neu eingeführte Familientickets sollen vor allem Kinder und Familien anlocken. Mit diesen Explorer Passes, die für 35 Euro den Zugang für zwei Erwachsene und bis zu drei Kindern ermöglichen und zwei kostenlose Getränke beinhalten, kann auf Entdeckungstour gegangen werden. Ausstellereigene Aktionen und Sonderschauen für Groß und Klein, die auf dem gesamten Veranstaltungsgelände mit speziellen Markierungen ausgewiesen sind, sollen den Besuch zu einem Erlebnis machen. Durch solche Angebote lässt sich die Zahl der Besucherköpfe zwar erhöhen. Doch geht es den Ausstellern um die schiere Masse an Besuchern? Wohl kaum. Vielmehr wird die Generierung von qualitativen Leads das Ziel sein. Und deren Anteil dürfte durch solche Maßnahmen eher sinken, nicht steigen.

 

Kommentar: Mehr Fragen als Antworten

Die IAA erfindet sich selbst neu – wieder einmal, möchte man fast abwinken. Ein wenig erinnert der proklamierte neue Vierklang aus Conference, Experience, Exhibition und Career und sein Anspruch an das Konzept, mit dem die Digitalmesse Cebit für ihren Relaunch 2018 angetreten war – wenn auch weniger radikal. Wie die Generalüberholung der Cebit geendet ist, ist hinlänglich bekannt. Einer der Knackpunkte war, dass sich die wichtige Ausstellergruppe aus dem Mittelstand nicht abgeholt und aufgehoben fühlte. Dies scheint sich gewissermaßen bei der IAA zu wiederholen, zumindest was die Sorge um ausbleibende Besucherströme aufgrund fernbleibender Automobilhersteller anbelangt. Es bleibt abzuwarten, inwiefern es durch die neuen Formate gelingt, neue oder verlorene Besucher anzulocken. Wie viel die neue IAA zu bieten hat, darauf ist der VDA so stolz, dass er eine Kommunikationskampagne unter dem Motto „Da.“ lanciert hat. Darin wird betont, was die Messe alles dahat: Worldchanger, künstliche Intelligenz, Exzellenz – alles da. Bleibt nur die Frage: Warum ist alles da und nichts hier? Gwen Kaufmann


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