Interaktive Ausstellung

Vom Auto zum Wohnraum

Annika Dammann, m+a - Montag, 2. September 2019    

Hyundai-Interaktive-Ausstellung
© Hyundai Motor

Wie werden Automobile und Fahrzeuge in der nahen Zukunft aussehen? Welche Funktionen werden sie zusätzlich erfüllen, neben dem klassischen Transport von A nach B? Denn wenn sich autonomes Fahren vom Test- zum Standardeinsatz entwickelt, bieten sich neue Möglichkeiten für die Passagiere: sie können lesen, arbeiten oder auch konferieren. Auch in puncto Innenraumgestaltung kann und muss dann völlig neu gedacht werden, für die Automobildesigner bietet sich ein neues weites Feld.

Geht es nach dem Automobilhersteller Hyundai Motor, wird der Fahrzeuginnenraum, sprich Cockpit und Passagierraum, in Zukunft eher ein individuell gestalteter Lebensraum, denn nüchterne und funktionale Fahrzeugzelle. Die Designabteilung Hyundais entwickelte ein futuristisches Konzept, das eine Gestaltung für alle Sinne verspricht: Das Ambiente kann der Nutzer mittels Licht, Farben, Materialien, Formen und Tönen nach eigenen Vorstellungen gestalten. Damit hat der Trend der Individualisierung also auch im Bereich der Automobilgestaltung Einzug gehalten. Was im Bereich Konsumgüter, Lifestyle und Raumausstattung schon möglich ist, gilt nun auch hier: Gemäß der Designvision „Style Set Free“ richten sich zukünftige Autobesitzer den Innenraum individuell als perfekten Wohnraum selbst ein – entsprechend persönlicher Vorlieben, Geschmäcker und Wünsche. Wie genau das aussehen könnte, davon konnten sich Besucher der interaktiven Ausstellung „Style Set Free“ im Rahmen der Mailänder Design-Woche (8. bis 14. April 2019) ein Bild machen: Die Koreaner luden in die Via Tortona, mitten in Mailands Kreativviertel, und forderten auf, gleich selbst mitzumachen.

Einmal durch den skulpturalen, trichterförmigen Eingang im Ausstellungsraum der Via Tortona 31 angelangt, begaben sich die Besucher auf eine sensorische Reise. Unter Leitung der Hamburger Lead-Agentur Nest One enstand eine sphärische Inszenierung, die mit changierenden Lichtstimmungen, wechselnden Visualisierungen und einer eigens kreierten Soundlandschaft auf die Zukunft der Mobilität einstimmte. Im Zentrum der Ausstellung veranschaulichte eine Skulptur – ein stark abstrahierte Form eines Autos – das künstlerische Konzept: Die sich stetig ändernde Inszenierung mittels Mapping thematisierte die drei Hauptelemente des Design-Konzepts: Farbe und Licht, Form und Klang sowie Material. Diese wurden mit interaktiven Stationen weiter vertieft. So wurden die Besucher aufgefordert, in einem monochrom ausgeleuchteten Raum mittels Berühren einer temperaturempfindlichen Sensorenplatte die Raumfarbe zu steuern – je nach Hauttemperatur und Berührungsdauer wechselte das Licht in unterschiedliche Farbtöne. Zudem wurden mithilfe eines Projektors und einer Animationssoftware die Bewegungen der Gäste erfasst und als eine Art grafische Aura auf die Wände projiziert. An weiteren Stationen konnten die Besucher Sound- und Forminstallationen steuern oder Materialien haptisch erkunden und sich über ihre Eigenschaften informieren – mit Wiedergabe eines individuellen Musters auf einem Wanddisplay.

HYUNDAI

 

„Mit unserem Konzept ‚Style Set Free‘ stellen wir als erster Automobilhersteller eine völlig neue Innenraum-Erfahrung für den Kunden vor. Das Publikum kann im Rahmen der Ausstellung bereits heute sehen, welche Rolle Design für die Zukunft der Mobilität spielen wird“, beschreibt Wonhong Cho, Executive Vice President und Chief Marketing Officer die Kernbotschaft des Auftritts.

Welchen Stellenwert Hyundai Design beimisst unterstrich das Unternehmen zudem mit der Podiumsdiskussion „Better by Design: Creating Quality Connection“, die es in Zusammenarbeit mit der Medienmarke Monocle im Rahmen der Ausstellung veranstaltete. Moderiert von Chefredakteur und Gründer Tyler Brûlé diskutierten der Landschaftsarchitekt und Urbanist Winy Maas, die Lifestyle- und Trendspezialistin Li Edelkoort und der Autodesigner Sang Yup Lee über die Bedeutung von Design.

Es ist nicht das erste Mal, dass sich Hyundai auf der Design-Woche präsentierte. Schon mehrmals waren die Koreaner mit kunstvollen Inszenierungen in Mailand vertreten. 2015 präsentierten sie die kinetische Installation „Helio Curve“, eine beeindruckende Arbeit aus 500 abgehängten, bewegbaren Holzelementen des Künstlers Reuben Mangolin, die sich mit dem Thema „Bewegung“ beschäftigte. Und auch letztes Jahr zeigte sich der Automobilhersteller mit einem immersiven Auftritt in Kollaboration mit dem italienischen Künstler Carlo Bernadini.

Und Hyundai ist kein Einzelfall, auch andere Unternehmen aus der Automobilbranche wie Lexus und Mazda wollen sich den Austausch mit dem Designpublikum nicht entgehen lassen und stellen im Rahmen der eigentlich branchenfremden Designmesse aus. Neben der Möglichkeit sich – ohne große Branchenkonkurrenz – einmal in einem anderen Rahmen zu präsentieren, hoffen sie auch Automobil-unaffine Kundengruppen zu erreichen – im Zweifelsfall mit futuristischem Innenraum-Design

 

Alle Fotos: Hyundai Motor


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